Backofenbau und 'Ofenkaulen'

im Siebengebirge

 

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Aus einem Verkaufsprospekt,
um 1910.
 
Einige der in der Vergangenheit wichtigsten Gewerbe des Siebengebirges haben bleibende Spuren im Landschaftsbild hinterlassen. Neben dem - in geringem Umfang heute noch betriebenen - Weinbau wäre hier insbesondere der Steinabbau zu nennen, der vor allem im 19. Jahrhundert ein derart bedrohliches und sichtbar zerstörerisches Ausmaß angenommen hatte, daß es jahrzehntelanger Bemühungen eben des VVS bedurfte, ihn im Interesse des Landschaftsschutzes zu bekämpfen und schließlich auch erfolgreich aus dem engeren Siebengebirgsbereich zu verbannen. 

Eine Sonderform dieses Industriezweiges spielte sich allerdings in weniger exponierten Bereichen - unter Tage! - ab, worin wohl auch der Grund dafür liegen dürfte, daß dieses Gewerbe heute nur noch wenigen, vorwiegend Einheimischen überhaupt bekannt ist. Zeugnis gibt allenfalls noch der Name des "Ofenkaulberges", der zwischen Petersberg und Wolkenburg an der Verbindungsstraße zwischen Königswinter und Ittenbach liegt. Mit der folgenden kurzen Beschreibung soll versucht werden, einen Einblick in die Geschichte dieses Gewerbes, seiner Erzeugnisse sowie der hiervon verbliebenen Relikte zu geben.

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Aus einem Verkaufsprospekt,
um 1910.
 
 
 
Backen im Natursteinofen

Entsprechend der Bedeutung des Grundnahrungsmittels Brot spielen nicht nur die Zutaten, sondern auch die technischen Hilfsmittel zu seiner Herstellung in der Lebensmittelversorgung seit jeher eine zentrale Rolle. Für den Backvorgang bedarf es hierbei eines Ofens, der Hitze ohne direktes Feuer liefert - ein Problem, das vor der Verwendung moderner Technologie in regional sehr unterschiedlichen Formen gelöst wurde. Gemeinsames Grundprinzip war dabei das Erhitzen eines Herdraums durch direktes Feuer im Inneren dergestalt, daß nach Entfernen des Feuers der Backvorgang in der Resthitze stattfinden konnte. Nur wenige natürliche Materialien, die den starken Temperaturschwankungen widerstehen konnten, kamen für die Errichtung eines solchen Herdes in Betracht, so etwa Lehm und Ziegelsteine. Beständiger als letztere war aber ein Gestein vulkanischen Ursprungs, das im Bereich des Mittelrheins in relativ zahlreichen Vorkommen anzutreffen ist: der aus vulkanischer Asche entstandene Tuff. 

Die besondere Eigenschaft des Tuffsteins wurde an vielen Orten für den Bau von Backöfen genutzt. Nur wenige Vorkommen lieferten allerdings eine Qualität, die das Entstehen eines eigenen - exportorientierten - Gewerbes erlaubten. Drei Zentren waren es insbesondere, die in diesem Sinne überregionale Bedeutung erlangen konnten: Gershasen (bei Westerburg im Westerwald), Bell (vordere Eifel) und Königswinter (Siebengebirge). 

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Königswinterer Backofen- bauer bei der Zurichtung von Steinen für eine Herdplatte.
 

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Werkplatz der Backofen- bauer im Jahre 1867 (!).
Zu dieser Zeit wird das Rheinufer noch als Werk- gelände genutzt. Die Aufnah- me (hier im Ausschnitt) des Königswinterer Fotografen August Karstein dokumentiert den Fortschritt bei der Be- pflanzung und Anlage der "Rheinpromenade".
Der "Königswinterer Ofen"

Der Bau von Natursteinöfen ausdem Material des Ofenkaulberges läßt sich zurückverfolgen bis in das späte Mittelalter. Neben der klas- sischen Grundform des direkt beheizten Ofens - der als "Haus- backofen" auch noch bis in unser Jahrhundert hergestellt wurde - war es aber ein moderner Ofentyp, der im 19. Jahrhundert für überregionale Bekanntheit seines Herkunftsortes sorgte: Der "Königswinterer Ofen" galt in (Bäcker-) Fachkreisen als besonders hochwertiges Hilfsmittel. Diese Popularität verdankte er einem Heizsystem, das über seitliche Feuerungen im vorderen Bereich des Herdraums die Verwendung von Kohle als Brennmaterial erlaubte. Gegenüber vergleichbaren Öfen der anderen Herstellungsorte zeichnete sich der Königswinterer zudem dadurch aus, daß die besondere Festigkeit des hiesigen Materials die Verwendung größerer Einzelsteine erlaubte. Vor allem eine große Herdfläche aus nur zwei Einzelplatten erfreute sich bei der gewerblichen Nutzung großer Beliebtheit, da sie die Reinigung erheblich vereinfachte. 

Nachdem der Transport des Steinmaterials zum Bestimmungsort zunächst vorwiegend über den Wasserweg erfolgte (aus welchem Grunde die Ofenbauer Werkplätze am Rheinufer bevorzugten!), erlebte das Gewerbe einen enormen Aufschwung seit der Fertigstellung der rechtsrheinischen Eisenbahn zwischen Köln und Koblenz im Jahre 1870. Hauptabsatzgebiet wurde nunmehr der westfälische Raum, wo nicht zuletzt eine regionale kulinarische Besonderheit zu einer Bevorzugung des speziellen Ofentyps beigetragen zu haben scheint: Westfälisches 'Pumpernickel' bedarf beim Backen einer langen und gleichmäßigen Hitze, wie sie offenbar der Tuffstein in besonderer Weise zu liefern vermochte. Vereinzelt aber auch darüberhinaus - bis nach Belgien und Nordfrankreich - reichte das Absatzgebiet. 

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Der 'Königswinterer Ofen' in Thomasberg: Grundriß und Querschnitt. (C. Notarius, Rhein. Amt für Denkmalpflege)
Die durchschnittliche 'Lebensdauer' eines Königswinterer Ofens lag - bei gewerblich intensiver Nutzung - bei ca. 20-30 Jahren. Da zudem, durch die Konkurrenz moderner (insbesondere elektrischer) Systeme spätestens seit den 20er Jahren unseres Jahrhunderts der Absatz stark zurückging, sind "originale" Königswinterer Öfen inzwischen nur noch sehr selten erhalten. (Angemerkt sei hier, daß in Königswinter-Thomasberg ein solcher Ofen nicht nur erhalten, sondern seit kurzem auch wieder funktionstüchtig hergerichtet werden konnte. Der Ofen befindet sich in einem Nebengebäude des "Reck's Hof" im Ortsteil Steinringen; auf Wunsch nähere Auskünfte über das Siebengebirgs-museum - Tel.02223/3703 - oder Kulturamt der Stadt Königswinter - Tel.02244/889233.) 

 

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Backofenbauer,
Aufnahme um 1910
 

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Ofenbauer bei der Arbeit in Zimmersbach / Hessen, um 1930; im Hintergrund der Bäcker vor der Backstube.
 

Das Gewerbe der Backofenbauer

Die besonderen Anforderungen an spezielle Herstellungstechniken förderten früh die Herausbildung eines eigenen Gewerbes der "Backofenbauer". Deren Berufsbild glich in weiten Teilen, insbesondere im Hinblick auf den Ausbildungsgang, dem der Steinhauer, gewann jedoch spätestens im 19. Jahrhundert weitgehende Eigenständigkeit. Ein Backofenbauer erlernte die technischen Fertigkeiten in der Regel in einem 'normalen' Steinmetzbetrieb, um sich dann später zu spezialisieren. Gegenüber anderen Steinarten ist der Tuff zwar weicher und dadurch leichter zu bearbeiten, gleichzeitig war aber äußerste Präzision erforderlich; dies galt insbesondere für die Herstellung eines Gewölbes, das ohne Verwendung von Mörtel den Herdraum freitragend überspannen mußte. 

Auffallend ist eine kleingewerbliche Organisationsstruktur. Vorherr-schende Form waren Kleinbetriebe mit 5-10 Mitarbeitern, im Kern meist auf familiärer Basis. Eine wenn auch nicht immer klar definierte, so doch in der Tendenz deutlich erkennbare Spezialisierung innerhalb dieser Belegschaften unterschied 'Brucharbeiter' und 'Ofenbauer'. Während die ersten die Materialbeschaffung im "Ofenkaulberg" besorgten, waren letztere für den Aufbau der Öfen vor Ort beim Auftraggeber zuständig. 

Bei einer durchschnittlichen Bauzeit von ca. einer Woche an häufig weit entfernten Orten ergab sich somit zwangsläufig - vorwiegend während der Sommermonate - häufige Abwesenheit von zu Hause. Dieses wesentliche Merkmal eines ambulanten Gewerbes prägte tatsächlich auch das Sozialprestige der Backofenbauer - und findet seinen Niederschlag nicht zuletzt in der noch heute lebendigen mündlichen Überlieferung des Rufes einer hart arbeitenden, aber auch trinkfesten Berufsgruppe, bei der familiäre Schwierigkeiten verhältnis- mäßig stark verbreitet waren .... 

Bedingt durch die technische Entwicklung neuer, vor allem indirekt beheizter Backöfen ging bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts die Nachfrage nach Natursteinöfen zurück. Noch vor dem 1. Weltkrieg sank die Zahl der Betriebe in Königswinter von vormals 20-30 auf nur noch 10, mit insgesamt ca. 50 Beschäftigten. Ein Wiederaufleben in den 1920er Jahren war letztendlich nur vorübergehender Natur. Tatsächlich gelang nur wenigen Betrieben die Umstellung auf die Herstellung zeitgemäßer, moderner Ofenformen wie Dampfbacköfen, elektrische Öfen u.ä.. Von diesen konnten einige auch noch nach dem 2. Weltkrieg bestehen, die beiden letzten stellten aber schließlich um das Jahr 1960 ihre Produktion ein. 

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Ein typischer Stolleneingang zu den Ofenkaulen, Aufnahme 1992.

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Grubenbild eines Backofen-steinbruchs, um 1920.
Die "Ofenkaulen"

Das zweifellos bedeutendste Relikt dieser außergewöhnlichen Indus- trie stellen weitläufige unterirdische Stollensysteme im Ofenkaulberg dar. Noch heute ist das Gelände an den Bergflanken zerklüftet durch Zufahrtswege und Abraumhalden. Der unterirdische Abbau bot den Vorteil der Gewinnung eines festen und unverwitterten Materials, und dies zudem aufgrund der im Sommer wie Winter gleichbleibenden Temperaturen unabhängig von äußeren Witterungseinflüssen. Weit- läufige Gänge und Hallen durchziehen daher auf mehreren Ebenen den Berg, der den Rohstoff für viele tausend Backöfen geliefert haben dürf- te. Eine genaue Beobachtung der Abbauspuren erlaubt noch heute die Rekonstruktion der verschiedenen Arbeitsgänge von der Freilegung einzelner Steinblöcke bis zu deren Transport und Verladung. 

 

 

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Zivilisten suchen Schutz in den Ofenkaulen, im März 1945.
 

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Ein amerikanischer Jeep vor dem Haupteingang des Bergwerks, im März 1945.
Die Fotos wurde von vorrückenden amerikanischen Einheiten aufgenommen.
Originale: National Archives, Washington.
Am Ende des 2. Weltkrieges wurden die Ofenkaulen letztmals Schauplatz von Ereignissen, die von besonderer Bedeutung für die Königswinterer Ortsgeschichte waren: Seit Sommer 1944 wurden Teile des Bergwerks für die Unterbringung von Rüstungsbetrieben aus dem Kölner Raum gesperrt. In diesem Zusammenhang entstand hier auch ein Lager für vermutlich ca. 400 Zwangsarbeiter verschiedener Nationalitäten. Informationen über die - aus Vergleichen zu anderen Orten zu vermutende - brutale Alltagswirklichkeit von Produktion und Lagerleben sind in diesem speziellen Fall leider nur sehr lückenhaft überliefert. Dagegen erinnern sich viele Bewohner des Siebengebirges noch heute an eine im Gegensatz sehr viel friedlichere Nutzung: Im März 1945 suchten große Teile der Bevölkerung hier Zuflucht vor dem intensiven Beschuß der beiden Kriegsparteien, teilweise mehrere Wochen lang fanden viele Menschen Schutz in den Tuffsteinhöhlen. 
 
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Im Inneren der Ofenkaulen.
Aufnahmen: Axel Thünker, 1983.

Das gesamte Areal der Ofenkaulen steht inzwischen als Boden-denkmal unter Schutz. Darüberhinaus kommt ihm aber auch unter naturpflegerischen Aspekten besondere Bedeutung zu: Verschiedene vom Aussterben bedrohte Fledermausarten finden hier eines ihrer selten gewordenen Winterquartiere. Deshalb und auch aus Sicherheitsgründen ist das Bergwerk heute nicht mehr zugänglich. Anfang der 80er Jahre wurden die Eingänge dergestalt verschlossen, daß nur noch an einigen wenigen Zugängen schmale Einflugschlitze eben für Fledermäuse freiblieben. 
 
 

(Beitrag von Elmar Scheuren, erschienen in: "Rheinische Heimatpflege", Mitteilungen des Rheinischen Vereins für Denkmal-pflege und Landschaftsschutz e.V., Köln, 30. Jg., Heft 3 / 1993)

Weitere Informationen zum unterirdischen Steinbruch der
Ofenkaulen.