Flößerei auf dem Rhein

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Ein Rheinfloß vor Unkel
(Kolorierter Kupferstich, L. Janscha / J. Ziegler, 1798)
 
Eine der bekanntesten historischen Ansichten von Unkel zeigt im Vordergrund auf dem Rhein ein ungewöhnliches Wasserfahrzeug: Ein Holzfloß, auf dem offenbar nicht nur eine unüberschaubare Zahl von Menschen, sondern auch ganze Häuser Platz haben. Dieser Kupferstich von L. Janscha und J. Ziegler entstand am Ende des 18. Jahrhunderts. Seine besondere Qualität liegt in der Genauigkeit der topographischen Wiedergabe, und das gleiche gilt auch für das Holzfloß: Was auf den ersten Blick hoffnungslos übertrieben scheint, hält tatsächlich einer kritischen Überprüfung stand. Trotz einiger ungenauer Details wird ein insgesamt realistischer Eindruck wiedergegeben, der mit den Angaben anderer zeitgenössischer Quellen übereinstimmt. 

Das 18. Jahrhundert stellt im Hinblick auf die Größe und Beschaffenheit der Rheinflöße einen Höhepunkt dar - Höhepunkt einer Entwicklung, die sich allerdings zurückverfolgen läßt bis in vorgeschichtliche Zeit und die erst in jüngster Vergangenheit ihr Ende fand. Noch in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts war der Anblick von Floßholztransporten auf dem Rhein ein gewohntes Bild. Für viele Anwohner war es sogar ein beliebter Sport, die Flöße beim Baden im Rhein für eine kurze Verschnaufpause zu nutzen! Es ist vermutlich eine solche Szene in der Nähe von Unkel, die ein fotografischer Schnappschuß festhält: Eine Gruppe von Badegästen posiert hier vor der Kulisse der Remagener Apollinariskirche. 

Sinn und Zweck der Flößerei war vor allem anderen der Transport des kostbaren Rohstoffes Holz. Seine Bedeutung für die vorindustrielle Wirtschaft kann gar nicht überschätzt werden: Ob zum Hausbau, zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen oder auch als Brennmaterial - die ausreichende Versorgung mit Holz war unerläßliche Voraussetzung für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung vergangener Jahrhunderte. Daneben konnte es allerdings auch vorkommen, daß Güter und Personen auf Flößen transportiert wurden; als solche erwähnt sie etwa Caesar in einem Bericht über Unternehmungen der Sugambrer, die um das Jahr 50 v. Chr. "auf Schiffen und Flößen" den Rhein überquerten. Belege dieser Art bleiben bis ins hohe Mittelalter allerdings sehr selten. Der älteste schriftliche Nachweis für Holztransporte auf dem Rhein findet sich erst in einer Koblenzer Zollrolle aus dem Jahre 1208, wo für Flöße verhältnismäßig hohe Liegegebühren festgesetzt werden. 

Die Bedeutung der Holztransporte stieg in dem Maße, wie - vor allem in wirtschaftlich 'guten' Zeiten - regionale Reserven erschöpft wurden. Zur Überwindung von Versorgungskrisen, aber auch zur Beschaffung von qualitativ hochwertigem Holz wurden in zunehmendem Maße seit dem späten Mittelalter entlegene Waldgebiete genutzt. Zur Lösung der sich zwangsläufig ergebenden Transportprobleme mußten häufig selbst kleine Wasserläufe mit hohem technischem Aufwand "flößbar" gemacht werden. Im Bereich des Einzugsgebietes des Rheins waren es insbesondere Flößer aus dem Schwarzwald, die in hohem Maße spezielle Kenntnisse und Erfahrungen erwarben und als Berufsstand besonderes Ansehen genossen. 

Solche speziellen Techniken und Handelsformen wurden um so wichtiger, als im Laufe des 17. Jahrhunderts neue Absatzmärkte entstanden. Bis dahin beschränkte sich der Holzhandel auf kleinere geographische Räume und ging etwa vom Schwarzwald aus kaum über das Gebiet des Oberrheins hinaus. Am Ende des 17. Jahrhunderts erlebten jedoch die Niederlande einen wirtschaftlichen Aufschwung, der seinen Ausdruck in enormem Holzbedarf fand. Bodenfundamente, Deichbauten, Mühlen- und Schiffsbau waren die wichtigsten Bereiche, deren Bedarf durch die nähergelegenen Holzmärkte bald nicht mehr gedeckt werden konnte. Die Nutzung des Rheins als idealer natürlicher Transportweg ließ Handelsunternehmen entstehen, die sich auf den "Holländerholz"-Handel spezialisierten. So gelangten holländische Holzeinkäufer in den Schwarzwald und umgekehrt die Schwarzwälder Flößer in die Niederlande, die in der Figur eines "Holländer-Michel" sogar ihren literarischen Niederschlag fanden - in der um das Jahr 1826 erschienenen Novelle "Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff. 

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Modell eines Holländerfloßes - Gesamtansicht und Detail.
(Siebengebirgsmuseum;
Modellbau: Jakob Sieger.)
 

 
 
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Holzfloß bei Bonn
(Kol. Kupferstich, Bulthuis / Grave, 1796)
 

 

Der Transport der nun anfallenden Holzmassen erfolgte bald vorzugsweise in Form von Großflößen, wie sie bis in die Zeit um 1800 belegt sind. Auf eine Länge von über 200 m und eine Breite von über 50 m wurden meist drei, gelegentlich sogar fünf Lagen von Baumstämmen eingebunden. Die hierbei zu bewältigenden Schwierigkeiten begannen bei der Zusammenstellung von Holzqualitäten - das begehrte Eichenholz allein war nicht schwimmfähig und mußte mit Tannenholz gemischt werden! - und endeten mit dem Problem der Steuerung, wozu eine Besatzung von rund 500 Mann erforderlich war. Selbst aus heutiger Sicht erscheint die technische Durchführung mit vergleichsweise bescheidenen Hilfsmitteln kaum vorstellbar. Hier liegt auch der Grund für die Begeisterung von Zeitgenossen wie dem Koblenzer Pfarrer Joseph Gregor Lang, der seine Schilderung aus dem Jahre 1789 so beginnt:"Unter allen großen und kühnen Unternehmungen, wozu die Auri sacra Fames [= Geldgier] den Menschen antrieb, kenn' ich keine, die bedeutender und bewundernswürdiger ist, als der Bau und die Behandlung einer solchen ungeheuren daher sich bewegenden Maschine, dessen man sich auf dem Rhein vorzüglich vor allen andern Flüssen in Europa, und vielleicht in der ganzen Welt zum Holzhandel bedienet ..."Der Betrieb der Flößerei in solchem Maßstab erforderte enormen Kapitaleinsatz, der nur durch spezielle Handelsgesellschaften aufgebracht werden konnte. Sowohl niederländische als auch deutsche Gesellschaften beteiligten sich an dem lukrativen Geschäft. Von ihnen wurden die Floßherren mit den Steuerleuten und einer kleinen Kernmannschaft benannt. Der übrige Teil der Mannschaft wurde von Fahrt zu Fahrt neu rekrutiert, vorwiegend aus 'fahrendem Volk' bzw. Gelegenheitsarbeitern. Solche standen infolge von landwirtschaftlichen Strukturkrisen und mangelnden Beschäftigungs-möglichkeiten im gewerblichen Bereich in der Regel in ausreichender Zahl zur Verfügung. 

Trotz der sehr geringen Entlohnung war die Arbeit als Flößer offenbar allein schon wegen der - sprichwörtlich reichlichen! - Verpflegung während der Fahrt interessant, welcher Umstand ein bezeichnendes Licht auf die soziale Wirklichkeit der Zeit wirft. Ein Indiz für diese Entwicklung liefert eine Verordnung für das Kurfürstentum Köln aus dem Jahre 1753, wonach die allem Anschein nach bereits negativ belastende Berufsbezeichnung "Flößer" einer Art gesetzlichem Schutz unterworfen werden sollte:

"Die das rheinische Erzstift unter dem Namen von Rhein-Flötzern durchziehenden Individuen sollen als Vagabunden behandelt werden, wenn sie sich nicht durch Entlassungsscheine der Flötzen-Eigenthümer legitimieren können."
(J.J.Scotti, Sammlung der Gesetze ..., Düsseldorf 1830)

Ein bezeichnendes Beispiel findet sich bereits einige Jahre früher in Unkel: Im Sommer 1739 wurde ein Mann namens Anton Kühlwetter vor dem hiesigen Gericht angeklagt. Sein Vergehen bestand in wiederholtem Diebstahl, vorwiegend von Kleidungs- und Wäschestücken - wofür er zum Tode verurteilt und im August des gleichen Jahres hingerichtet wurde! Auf die Frage nach seiner beruflichen Tätigkeit hatte er zuvor angegeben, mehrfach auf Großflößen gearbeitet zu haben. 

Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen, wozu etwa die Vorausfahrt eines "Wahrschauer"-Nachens zur Warnung der Schiffahrt gehörte, blieben Floßfahrten risikoreiche Unternehmungen. Unfälle sind häufig belegt, und auch hier findet sich wieder ein Beispiel aus Unkel: Eine Aktennotiz berichtet von der Havarie eines Floßes am berüchtigten Unkelstein im Jahre 1794; sie zog monatelange Aufräumarbeiten nach sich:

"... daß die floze des Hr. Flozenhändelern Reding aus Trier den 16tn August L.J. dahier am Unckellstein angestoßen, und völlig zerscheideret, mithin dessen Gegenwart, bei der Sammlung und Aneinanderfügung, des, durch die Gewalt des hier außerordentlich reißenden Stromes, getrennten Flozenholzes unumgänglich nötig gewesen und noch ist ein solches wird andurch Eid und pflichtmaßig attestiret gegeben Unckell d. 30 (octobris) 1794."
(Stadtarchiv Unkel)
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Floßbau bei Mondorf; im Hintergrund Bonn und das Siebengebirge
(Aquatinta, französisch um 1800; Original: Kölnisches Stadtmuseum)
 
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Rheinfloß vor Köln, 1865
(Ausschnitt aus: "Cöln mit dem Dome und der neuen Rheinbrücke",
Stahlstich, G. Osterwald / J. Poppel; Original: Kölnisches Stadtmuseum)
 

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Rheinfloß im Jahre 1913
(Original: Flößer- und Schiffer-Museum, Kamp-Bornhofen)
 

 
 (unten:)
Flößer-Alltag, Aufnahmen aus den 1920er Jahren
(Originale: Flößer- und Schiffer-Museum, Kamp-Bornhofen)
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Sowohl am Ober- als auch am Niederrhein erlangte die Flößerei für einige Orte größere wirtschaftliche Bedeutung. Mannheim und Mainz bzw. Wiesbaden verfügten über eigene Holzhäfen, in denen kleinere Holzlieferungen von den verschiedenen Nebenflüssen zusammen-trafen. Bereits hier wurden mitunter Großflöße aufgebaut; wegen der gefährlichen Engstelle am "Binger Loch" verlagerte sich der Floßbau jedoch zunehmend flußabwärts. 

Der über Jahrzehnte wichtigste Floßhafen wurde Namedy bei Andernach, daneben scheinen zumindest zeitweise aber auch Linz und Mondorf eine Rolle gespielt zu haben. Noch zur Zeit der französischen Verwaltung im Jahre 1803 schätzt der Präfekt des 'Département Rhin et Moselle' die Zahl der im Sommer durch die Flößerei Beschäftigten auf 1000 Personen, hauptsächlich aus Namedy und den umliegenden Orten. Von zusätzlicher wirtschaftlicher Bedeutung war die Lebensmittelversorgung: der Einkauf bei ortsansässigen Lieferanten war in der Regel Bedingung für die Verpachtung von Ufergelände. In unmittelbarer Nähe von Unkel, rheinaufwärts vor Erpel und -abwärts etwa auf der Höhe von Rheinbreitbach befanden geeignete Landeplätze, die ansonsten im Bereich des Mittelrheins eher selten waren. Sie wurden noch bis in die jüngste Zeit häufig genutzt, da zumindest nachts generelles Fahrverbot für Flöße galt. 

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts ging die Zeit der Großflöße zu Ende. Neue Zollbestimmungen, der vermehrte Bau von Schiffsbrücken und schließlich auch zunehmender Schiffsverkehr zwangen zur Aufgabe dieser risikoreichen Transportform. Insbesondere wurden Flöße nun nur noch aus einer Lage Holz gebaut, wodurch der Personalbedarf erheblich sank. Die größten Flöße benötigten eine Besatzung von "nur noch" 150 bis 200 Mann. Im Zuge der Bemühungen um eine 'Rheinschiffahrtsakte', die 1831 zu einer ersten Vereinbarung führten, wurde die Flößerei zunehmend reglementiert. Es wurden zum Beispiel genaue Verhaltensregeln für die Passage von Engstellen festgelegt. Für die Biegung bei Unkel bedeutete dies, daß hier "bei gewahrschautem Floß" Schiffe höchstens am Ufer liegen durften, und dies auch nur in einer Reihe; stromaufwärts kommende Segelschiffe durften dann nicht in die Biegung einfahren. 

Trotz derartiger Beschränkungen blieb Holz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das mengenmäßig mit Abstand bedeutendste rheinabwärts beförderte Handelsgut. Aber mit der Transportform blieb auch die nach wie vor hohe Unfallgefahr bestehen: Allein an der Schiffsbrücke in Koblenz wurden für die Jahre 1836 bis 1853 sechs durch Flöße verursachte Unfälle mit erheblichen Schadensfolgen registriert. 

Erst mit dem Einsatz von Schleppschiffen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten wesentliche Verbesserungen im Hinblick auf die Sicherheit erreicht werden. Mehr noch als die Konkurrenz der Eisenbahn traf diese technische Neuerung den Berufsstand der Flößer: Selbst große Flöße konnten nunmehr mit einer Besatzung von nur noch 25-30 Mann betrieben werden. Dennoch blieb der Beruf bis in die fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts nicht nur am Rhein erhalten, sondern als Lehrberuf und mit gewerkschaftlicher Vertretung genoß er ein gutes Ansehen. Einzelne Rheingemeinden wie zum Beispiel der südlich von Koblenz gelegene Ort Kamp galten sogar als ausgesprochene Flößerorte. 

Ein Grund für den Weiterbetrieb der Flößerei lag in der besonderen Qualität, und hier insbesondere der geringeren Anfälligkeit gegen Parasiten, die die holzverarbeitende Industrie an geflößtem Holz schätzte. Noch bis in die fünfziger Jahre wurden Sägewerke entlang des Rheins mit Floßholz beliefert, so auch in der näheren Umgebung Werke in Honnef, Königswinter und Bonn. 

Das letzte gewerbliche Floß fuhr 1968 rheinabwärts. Seitdem wurden sogar die entsprechenden Vorschriften bis hin zu dem Begriff "Floß" aus der Rheinschiffahrtspolizeiverordnung gestrichen. Als die Stadt Düsseldorf im Sommer 1988 aus Anlaß ihres Jubiläums ein "historisches Rheinfloß" zusammenstellen und bis nach Düsseldorf fahren ließ, mußten zahlreiche Auflagen erfüllt werden. Erst der Einsatz von zwei (!) Schleppschiffen und eine ständige Polizeieskorte ermöglichten die Fahrt dieses "Sonderfahrzeugs", das möglicherweise als das allerletzte Rheinfloß in die Geschichte eingehen wird. 

(Beitrag von Elmar Scheuren, erschienen in: "Aus der Vergangenheit Unkels" - zu einer Vortragsreihe der Volkshochschule Unkel im Frühjahr 1988; leicht überarbeitet.)
 

Literaturhinweis:
Flößerei auf dem Rhein
(= Veröffentlichung des Siebengebirgsmuseums zur Sonderausstellung 1989), 72 S., zahlr. s/w-Abb.; Neuauflage: Bouvier-Verlag Bonn, 1999
(beide vergriffen).
Reprint 2013: Verlag Kessel, Remagen (www.forstbuch.de);
ISBN: 978-3-941300-73-6; Preis: 12,- Euro.